Hoffnung bauen

Die Religions- und Kulturgemeinschaft der Jesiden im Nordirak ist besonders von der Gewalt ­des sogenannten Islamischen Staats betroffen. Um den Kindern und Frauen dort zu helfen, soll in der kurdischen Stadt Ba’adre mit deutscher Unterstützung ein Schutzhaus gebaut werden.

Text: v. Wissel, Christian, Braunschweig; Peschken, Martin, Braunschweig

    Entwürfe von Studierenden der TU Braunschweig für ein Schutzhaus in Ba’adre: Unter der „Wohnplattform“ von Yinuo Ma entsteht auf fast der gesamten Grundstücksfläche verschatteter Freiraum zum Spielen.
    Abb.: Yinuo Ma

    Entwürfe von Studierenden der TU Braunschweig für ein Schutzhaus in Ba’adre: Unter der „Wohnplattform“ von Yinuo Ma entsteht auf fast der gesamten Grundstücksfläche verschatteter Freiraum zum Spielen.

    Abb.: Yinuo Ma

    „Modulvielfalt“ von David Baar interpretiert die dichte Folge von öffentlichen und privaten Hofräumen sowie Baukörpern, die für alte Städte im Nahen Osten typisch sind.
    Abb.: David Baar

    „Modulvielfalt“ von David Baar interpretiert die dichte Folge von öffentlichen und privaten Hofräumen sowie Baukörpern, die für alte Städte im Nahen Osten typisch sind.

    Abb.: David Baar

Hoffnung bauen

Die Religions- und Kulturgemeinschaft der Jesiden im Nordirak ist besonders von der Gewalt ­des sogenannten Islamischen Staats betroffen. Um den Kindern und Frauen dort zu helfen, soll in der kurdischen Stadt Ba’adre mit deutscher Unterstützung ein Schutzhaus gebaut werden.

Text: v. Wissel, Christian, Braunschweig; Peschken, Martin, Braunschweig

Ein Schutzhaus für Frauen und Kinder, die von Krieg, Verfolgung und Gewalt traumatisiert sind, muss mehr sein als vier Wände und ein Dach: ein „Haus der Hoffnung“ (auf Kurdisch: Mala ­Heviya) das als vorübergehendes Zuhause dient. Nicht nur architektonische Fragen sind von Belang, sondern es braucht auch die Kraft, ein Bauprojekt in ein Hilfs(netz)werk zu verwandeln. Mit „Mala Heviya/Haus der Hoffnung“ haben deutsche Jesiden, Lehrende und Studierende der TU Braunschweig und weitere Partner aus Architektur, Politik, Hochschule und Gesellschaft diese Herausforderung angenommen.
Initiiert wurde das Projekt vom Verein Jugend humanitärer Hilfe e.V. (JhH), einer Gruppe junger, im Raum Braunschweig/Goslar lebender Jesiden, die sich formierte, nachdem im Sommer 2014 der sogenannte Islamische Staat das Sindschar-Gebirge im Irak überrannt und an den dort ansässigen Jesiden Völkermord verübt hatte.
Die Jesiden sind eine Religions- und Kulturgemeinschaft, deren Glauben viele Aspekte mit anderen monotheistischen Religionen teilt, aber keine zentrale heilige Schrift aufweist. Stattdessen ist das Jesidentum in mündlicher Überlieferung und kultischer Praxis lebendig. Im Ort Lalisch, in den Bergen Kurdistans, liegt das wichtigste Heiligtum. Dort wird im Herbst das alljähr­liche Versammlungsfest gefeiert. Theologische Fehlinterpretationen von außen dienten in der Geschichte immer wieder zur Rechtfertigung von Verfolgung und Vertreibung.
Seit Ende des Irakkriegs 2003 sind Jesiden vor allem Opfer des islamischen Fundamentalismus geworden. Die Gewalttaten von 2014 waren besonders verheerend. Viele Jesiden wurden ermordet oder – insbesondere Frauen – verschleppt. Die meisten Überlebenden aus dieser Gegend leben heute in Camps in der irakischen Autonomen Region Kurdistan.
Um die Not ihrer Landsleute in diesen Lagern zu lindern, organisierte der JhH zunächst Hilfslieferungen von Deutschland aus. Vor Ort stellten die Aktivisten fest, dass es unter den Binnengeflüchteten die elternlosen Kinder und misshandelten Frauen am schwersten haben. Um ihnen nachhaltig zu helfen, bewog der Verein die kurdische Stadt Ba’adre, ein zentrales Grundstück zur Verfügung zu stellen. Dann wandte er sich an Gabriele G. Kiefer, Almut Grüntuch-Ernst, Volker Staab und Rolf Schuster, die am Department Architektur der TU Braunschweig lehren. 30 Architektur-Studierende aus acht Nationen wurden mit den spezifischen kulturellen und psychosozialen Herausforderungen des Schutzhauses vertraut gemacht und erhielten die Aufgabe, ein Waisenhaus zu entwerfen.
Ihre Entwürfe variieren zwischen Hofhaustypologie und terrassierter Raumlandschaft, zwischen Plattform und Labyrinth. Backstein-Ornamentik und Lehmbau sollen für sensible Licht- und Blickführung, für gutes Raumklima und Ästhetik sorgen. Dabei darf das Schutzhaus nicht zu transparent sein. Aus Sicherheitsgründen und um vor fremden Blicken zu schützen, muss es zur Stadt hin geschlossen sein. Die Raumorganisation folgt den Ansprüchen der jesidischen Kultur an die geschlechterspezifische Unterbringung der Kinder: Mädchen und Jungen aus verschiedenen Familien sollen sich nicht in den gleichen Räumen aufhalten, wenn sie unbeaufsichtigt sind. Geschwisterpaare, die ihre Eltern verloren haben, werden dagegen nicht getrennt untergebracht.
Videokonferenzen mit Betroffenen machten die Studierenden mit den Anforderungen vertraut. Das Büro Ziegert Roswag Seiler brachte seine Expertise für „interkulturelle“ Bauprojekte, unter anderem im Irak, ein. Und die NGO Luftbrücke Irak e.V. entwickelte ein Konzept für die psychotherapeutische Betreuung des Hauses. Zeitgleich erarbeiteten Studierende der Klasse Fons Hickmann an der UdK Berlin Kommunikationsstrategien, um weitere Unterstützer zu gewinnen. Im Aedes Network Campus Berlin wurden die Ergebnisse im September 2016 vorgestellt.
Inzwischen ist das Projekt zum Netzwerk gewachsen. Jetzt stehen die nächsten Schritte an: das Schutzhaus detaillieren, Kosten berechnen, Bauabläufe planen und Projektanträge bei öffentlichen Institutionen schreiben. Damit Bau und Betrieb gelingen, ist eine gute Zusammenarbeit mit der Verwaltung und Zivilgesellschaft vor ­Ort nötig. Ziel ist es, das Schutzhaus in die Arbeit anderer, im Irak bereits tätiger Hilfsorganisationen und lokaler Akteure einzubetten. Erst dann kann geklärt werden, ob Studierende auf der Baustelle mitwirken können und wie der Wissens­­- austausch mit lokalen Handwerkern aussieht.

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