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Städtebau
L’Aquila

L’Aquila, Stadt ohne Zentrum

Einleitung

  • von: Brinkmann, Ulrich, BerlinVor drei Jahren erschütterte ein Erdbeben die Hauptstadt der Abruzzen. In nur 27 Sekunden verschwand die Stadt als öffentlicher Raum. Bis heute liegt das städtische Leben darnieder. Wie bewältigen die Bürger den Alltag mit der Geisterstadt?Es ist nicht viel los in dem studentisch anmutenden Lokal in der kleinen Seitenstraße des Corso an diesem Donnerstagabend Ende Januar. Mit dem nahezu wie ausgestorben daliegenden Zentrum von L’Aquila habe das aber nichts zu tun, versichert der Barista, es sei einfach noch zu früh – nach Mitternacht käme der DJ, dann werde es voll, ich solle doch später noch mal wiederkommen.
    Am nördlichen Rand der Altstadt, kurz bevor der Corso auf die noch immer anmutige, wenngleich außer Betrieb genommene Fontana luminosa an der Porta Paganica trifft, lässt sich das bis zum 6. April 2009 muntere studentische Leben von L’Aquila zumindest ansatzweise noch erleben. Neben besagtem Club findet sich auch das ein oder andere Restaurant, entlang des Corso haben ein paar Läden geöffnet; die Bar an der Ecke zur Via San Bernardino versucht über Außenlautsprecher mit Musik die beklemmende Stille zu vertreiben, die über der Straße lastet und jedes einzelne Geräusch grotesk verstärkt. Der Klang, der eine Passeggiata auf dem Corso grundiert, lässt sich damit aber nicht übertönen: Allgegenwärtig ist das dunkle Nageln der Dieselmotoren der Militärlastwagen, deren Besatzungen die „zona rossa“ sichern, jenes Sperrgebiet, das die Altstadt von L’Aquila auch drei Jahre nach dem Erdbeben in weiten Teilen noch immer ist (siehe Seite 18).

    Privatraum frisst Bürgersinn

    Die geisterhafte Stimmung im historischen Zentrum steht in Gegensatz zu dem, was sich ein paar hundert Meter weiter nördlich, am Kreisverkehr hinter dem Forte Spagnolo und dem Stadion, abspielt: Im Grunde den ganzen Vormittag über, schlagartig aber pünktlich mit Ende der Siesta verknäuelt sich hier eine endlose Autoschlange, die wohl als das logische Produkt einer urbanen Wirklichkeit anzusehen ist, in der fußläufige Entfernungen nicht mehr existieren – L’Aquila, Stadt ohne Zentrum.

  • Bei allem Verlust an Historie, den das Erdbeben mit seinen Schäden an den vielen Baudenkmälern der schönen Stadt bewirkt hat – von den rund 300 Toten der Katastrophe ganz zu schweigen –, der Verlust des Zentrums als funktional wie räumlich dichtes Geflecht von Beziehungen ist das, was sich als die nachhaltigste Folge im täglichen Leben der Aquilaner niederschlägt. Ob Wohnungen, Einkaufsmöglichkeiten, Dienstleistungen, Bildungsstätten – was sich früher in der Altstadt auf überschaubarer Fläche zu einem sinnfälligen, räumlich wie baulich differenzierten Ganzen fügte, ist heute in der Peripherie der Stadt verstreut: das Aterno-Tal hinauf und hinab und bis hinein in die Seitentäler, die zum Gran Sasso-Massiv führen. Zufällige Begegnungen sind seitdem aus dem Alltag der Aquilaner verschwunden, jedes Treffen muss verabredet, jeder Einkauf organisiert, jede Freizeitbeschäftigung in bislang ungekannter Weise abgestimmt werden. L’Aquila, autoabhängige Stadt.
    Die Stadt als Gemeinwesen wird über längere Sicht daran zerbrechen, dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man sich für ein paar Tage auf die Stadt einlässt und mit ihren Bürgern spricht. „Dov’era, com’era“, lautet das Leitbild der Stadtverwaltung für den Wiederaufbau: wo sie war, wie sie war. Das ist aller Ehren wert, aber angesichts der vielfältigen Schwierigkeiten, die einer schnellen Umsetzung im Weg stehen – politische Verkeilungen zwischen der linken Stadtregierung und Rom, juristische Unsicherheiten aufgrund angekündigter neuer Richtlinien zum erdbebensicheren Bauen, bauliche Besonderheiten der Altstadt, in der sich benachbarte Gebäude häufig eine Brandwand teilen und deshalb nur gemeinsam wieder aufgebaut werden können – stellt sich die Frage, ob dieses Dogma nicht pragmatischer als bislang gehandhabt werden muss: Wiederaufbau an Ort und Stelle ja, auf Grundlage des historischen Straßen- und Platzsystems, mit Respekt vor der überlieferten Parzellierung und Sorgfalt bei der Wiederherstellung der Baudenkmäler – das geht an.

  • Aber muss wirklich jedes private Wohn- und Geschäftshaus archäologisch rekonstruiert werden? L’Aquila ist nicht zum ersten Mal von einem Erdbeben zerstört worden, und mit jeder Katastrophe hat sich sein Antlitz verändert. Das hat die Stadt verkraftet, weil sie in ihrer Struktur und in ihren sozialen Beziehungen weiterlebte. Das sklavische Festhalten an ihrem Abbild, wie es bis zum 6. April 2009 existierte, steht diesem Weiterleben im Weg – das Leben in der aufquellenden Peripherie zermürbt mit jedem Jahr weiteren Stillstands die Verbundenheit der Aquilaner mit ihrer Stadt.
    Ich bestelle noch ein Glas Rotwein. Ob ich Engländer sei, fragt mich die Gehilfin des Barista beim Nachschenken. Nein, Deutscher, aus Berlin. Aus Berlin? Die junge Frau lebt auf. Sie mache im Frühjahr ihr Abitur und wolle dann nach Berlin gehen, zum Studium, auch einige ihrer Mitschülerinnen hätten das vor, in L’Aquila sähen sie keine Zukunft. Die Erosion der Stadtgesellschaft hat begonnen, und wie immer sind es die Jungen, Mobilen, Qualifizierten, die ihrer Heimat zuerst den Rücken kehren – wo sie ist, wie sie ist.


    Bauwelt 14.2012
    Erscheinungsdatum: 05.04.2012

  • Adresse

    67100 L'Aquila Italien

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