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Museen und Ausstellungsbauten
Santiago de Compostela

City of Culture

In die Landschaft radierte Vision

  • von: Curtis, William J.R.Die City of Culture von Galicien ist das größte und ambitionierteste Projekt von Peter Eisenman in Europa. Ob der Großbau am Stadtrand je fertiggestellt wird, steht in den Sternen. Ein Zwischenbericht über das Scheitern der Idee, aus Landschaft monumentale Architektur zu bauen.

    Es gibt Orte, die wie aus einem einzigen Material gemacht scheinen, im Fall von Santiago de Compostela ist es Granit. Straßen und Plätze, Klöster und Kirchen aus den unterschiedlichsten Epochen bilden ein in der Landschaft eingebettetes Ensemble. Die terrassierten Felder und Gärten mit ihren Steinmauern dringen bis in die Stadt vor, die Plazas rahmen den Blick auf die umliegenden Hügel. Santiago – das ist der Endpunkt des berühmten Pilgerwegs durch Frankreich und den Norden Spaniens, über der angeblichen Grabstätte des Apostels Jakobus erhebt sich die Kathedrale. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Stadt architektonische Vorbilder von anderswo aufgegriffen und mit der einheimischen Bauweise und Topografie verschmolzen. Das Land selbst erscheint zeitlos.

    Modernisierung

    In den 1980er und 1990er Jahren erfuhr Santiago de Compostela unter dem sozialistischen Bürgermeister Xerardo Estévez eine rasante, dabei geschickt konzipierte Modernisierung. Nach dem Vorbild seines einstigen architektonischen Mentors Oriol Bohigas, der die Stadterneuerung von Barcelona im Vorfeld der Olympischen Spiele 1992 verantwortet hatte, suchte Estévez die Balance zwischen dem Erhalt der historischen Bauten und dem Implementieren einer frischen kulturellen Infrastruktur. Mehrere Wettbewerbe für öffentliche Bauten wurden lanciert. Höhepunkt dieser Phase war Alvaro Sizas Centro Galego de Arte Contemporánea (1989–94), dem es gelang, den bröckeligen urbanen Kontext an einer Flanke der Stadt wieder anzuflicken. Seine beeindruckend subtile Arbeit erfasste die Gesamtheit aus historischem Kontext und abschüssigem Gelände auf einer abstrahierten Ebene und fädelte eine „promenade architecturale“ durch eine schwerelose Großstruktur aus von oben beleuchteten

  • Ausstellungssälen. Die Einzelteile des auseinandergerissenen Klostergartens im hinteren Teil wurden zu einem öffentlichen Park aus Plateaus und Rampen gefügt, von denen aus man über die Stadt blickt.

    Mächtiger als die Kathedrale

    Ende der 1990er Jahre formulierte die konservative Landesregierung Galiciens unter Präsident Manuel Fraga Iribarne (ein Veteran der Franco-Ära) ihre Vision des künftigen Santiago in Form einer lose definierten City of Culture, die auf der Kuppe des etwa drei Kilometer von Altstadthügel und Kathe­drale gelegenen Monte Gaias entstehen sollte. Anfangs umfasste das ambitionierte Programm ein Museum von Galicien, eine Bibliothek, ein Zentrum für neue Technologien, eine Konzerthalle und weitere große Gebäude. Mehr als 700.000 Quadratmeter Grund wollte man so bebauen lassen. Offenkundig unter dem Eindruck des „Bilbao-Effekts“ lobten die Organisatoren des Großvorhabens einen internationalen Wettbewerb aus und luden mehrere Stararchitekten zur Teilnahme ein, neben Rem Koolhaas und Jean Nouvel auch Peter Eisenman. Auch sehr gute lokale Architekten waren an dem Wettbewerb beteiligt, zum Beispiel Manuel Gallego Jorreto, dessen Vorschlag wohl am besten zum Areal und zur Nutzung gepasst hätte, ohne den Symbolcharakter oder die Notwendigkeit, in mehreren Etappen zu bauen, aus dem Blick zu verlieren.

    Doch Auftraggeber wie auch nicht wenige Jurymitglieder vertraten die Ansicht, es müsse ein „ikonischer“ Bau eines internationalen Stararchitekten her. Eisenman sollte es sein, sein effektvoller Entwurf, so hieß es, korrespondiere mit der Topografie des Ortes. Die Wettbewerbseingabe von damals existiert noch: Ein kleines Karton-Modell sitzt in einer Landschaft aus Karton mit einer Kartonversion der Altstadt daneben. Und es stimmt: In diesem Maßstab und in der Vereinheitlichung durch das Material wirkt das Tableau einer Falten werfenden künstlichen Landschaft mit eingefrästen Straßeneinschnitten überaus verführerisch.

  • Ergänzende Renderings zu Eisenmans Präsentation vermitteln den Eindruck, der Entwurf sei in Anlehnung an die Altstadt „generiert“ worden, indem man deren Struktur zuerst durch den Scanner hat laufen lassen und sie anschließend in eine fraktionierte Geometrie umwandelte. Daneben greift die Grundrissanlage der großräumigen neuen „Stadt“ auf die Muschel (Emblem des Heiligen Jakob) und den Pilgerweg zu. Last but not least gibt es außerdem ein über alles gelegtes Raster (ein von Eisenman gern genutztes Stilelement). Damit ist der Komplex eine Schnittmenge aus mehreren geometrisch gedachten Systemen, eine Art Ergebnis-Palimpsest, das die natürliche Umgebung in die künstlich-architektoni­sche Welt hineinholt – so zumindest der Anspruch.

    In Eisenmans Entwurf für Santiago gingen mehrjährige Recherchen zu Fragmentierungen, Kritzungen (Gletscherschrammen) und Interstitialen ein. „Faltungen“ waren damals sehr en vogue, und Eisenman wertet seine Projektbeschreibungen gern mit „French Theory“ auf, Deleuze-Zitate aus „Le Pli“ inbegriffen. Anhänger des Architekten steuerten wissenschaftlich anmutende Häppchen aus Stringtheorie und algorithmischen Transformationen bei. Lichten sich die Schwaden theoretischer Prätention, ist Eisenman im Grunde genommen ein Formalist: Er zapft die richtigen Quellen an und spielt mit den Formen um des Formenspiels willen, lässt aber die Frage nach dem Inhalt letztlich aus. Sieht man vom eingängigen Promo-Vokabular einmal ab, scheint die „Cidade de Cultura de Galicia“ recht direkt nach einer Vorlage aus der „Land Art“ inspiriert: dem „Grande Cretto“ aus dem sizilianischen Gibellina (1985–89), von Alberto Burri als Mahnmal an das Beben von 1968 entworfen. Ein aus Zement und Geröll nachgegossener Grundriss der zerstörten Stadt, mit Falten werfenden Formen, tief eingeschnittenen Straßenzügen und Linien eines in sich verzogenen Rasters über der Landschaft.

    Zeitsprung, elf Jahre

  • danach

    Der Eisenman-Entwurf für die City of Culture ist kaum zur Hälfte umgesetzt, das ursprünglich angesetzte Budget von über 100 Millionen Euro auf mehr als das Vierfache angewachsen; kontinuierlich definierte man das Bauprogramm neu. Derzeit geht die Rede von einem Schwerpunktzentrum für zeitgenössische Kunst. Der Unentschiedenheit über die Funktion ei­­ni­ger Partien des Komplexes entspricht die Vagheit über die künftig noch benötigten Bausummen: Außer den bisher nicht fertiggestellten Bauten wollen schließlich Innenausbau und Landschaftsplanung berücksichtigt sein. Dazu kommen veranschlagte Unterhaltskosten in geradezu astronomischer Höhe: Bereits 2001 wies eine Anhörung von Finanzexperten auf jährliche Unterhaltskosten von 58 Millionen Euro hin, davon sollen etwa acht über den Verkauf von Eintrittskarten wieder eingespielt werden. Auch konservative Schätzungen folgern, dass die Xunta de Galicia (ergo der Steuerzahler) die Kulturstadt mit rund 50 Millionen per annum bezuschussen wird, was einem beträchtlichen Anteil des jährlichen Kulturhaushalts entspricht. Wahrscheinlich fällt die heutige Be­triebskostenschätzung noch deutlich höher aus. Zum Vergleich: 2010 betrug das Gesamtbudget des städtischen Haus­halts von Santiago de Compostela 115 Millionen, das Budget des Kultusministeriums von Galicien 198 Millionen Euro.

    Schon zum Zeitpunkt der ersten Planungen vor mehr als einer Dekade machte das brachial zentralistische Konzept ei­nes Super-Kultur-Supermarktes wenig Sinn – gerade für eine relativ so arme Region Spaniens wie Galicien. In der gegenwärtigen ökonomischen Krise wirkt das Projekt noch wirklichkeitsferner. Mit der früheren Politik einer Instandsetzung von historischem Baubestand, kombiniert mit einer Reihe von modernen Eingriffen in das städtische und landschaftliche Umfeld, wäre man sicherlich besser gefahren.

    Was inzwischen steht, erinnert an ein gigantisches Einkaufszentrum, das man den Berg hochgejagt hat.

  • Disproportioniert in Bezug auf Standort und Umgebung, so der Eindruck. Ende des Jahres sollen Archiv und Bibliothek eröffnet werden.  Das ist zwar keine sonderlich große Tranche des Gesamtensembles, doch ausreichend Masse für einen belastbaren Eindruck von dem, was einen erwartet. Ein Teil der Baustelle kann auch schon vorab besichtigt werden.

    Der ob seiner topografischen Sensibilität gerühmte Entwurf erzwang de facto das komplette Abtragen der Hügelkuppe von Monte Gaias, einer Abraumhalde von mehreren Mil­lionen Kubikmetern. Die „delicate folds“, die zarten Faltenwürfe aus dem Wettbewerb, stellen sich als mächtig ausholende Kurven und schwindelerregend steile Dachflächen heraus, die in ihrer zusammengesteckten Detaillierung eher den Charme einer Kirmes-Achterbahn versprühen, als dass sie die Abstraktion von Landschaft vor Augen führen. Eine dünne Kruste aus Granitpaneelen in unterschiedlichen Farbnuancen (brasilianische Importware) überzieht das Ganze. Die tief eingeschnittenen Kerben sind dem Erkennen von Form eher hinderlich. Dem Nicht-Bildhauer Eisenman ist es offenkundig versagt geblieben, seine ureigene Schaffensabsicht in eine kohärente Dreidimensionalität von Raum- und Formwirkung zu übertragen.

    Wirklich neu ist das nicht: Selbst Eisenmans Befürworter mussten zugeben, dass der Architekt Mühe hat, seine Entwurfskonzepte baulich zu konkretisieren und umzusetzen. Die vorgehängten Glasfassaden sind nur ein Beispiel von vielen: Einige der Fronten sind mehr als dreißig Meter hoch und kommen nicht ohne eigenes Tragwerk aus, was den Gesamteindruck einigermaßen durcheinanderbringt. Die Fassaden sind mal in die eine, mal in die andere Richtung geschlitzt, dazu gibt es dekorative Mittelstreben in den Öffnungen, die wohl einer wie auch immer gearteten eisenmanesken Geometrie entsprechen mögen – ein in sich stimmiges Muster wird nicht erkennbar, und der Hautgout einer oberflächlichen Kommerzarchitektur ist nicht von der Hand zu

  • weisen. Überall plumpe Ab- und Anschlüsse zwischen Trägern unterschiedlicher Größen und Formen, an schrägen Decken oder Trennwänden: eine Art tektonischer Albtraum, in dem Wandverkleidungen aus Stein nach Linoleum aussehen. Die wenigen fertiggestellten Innenausbauten zeigen eine eindrucksvolle Bandbreite an geweißeltem Gipskarton in Ausführungsvarianten von schiefem Winkel bis kurviger Serpentine.

    Lichtregie und Transparenz

    So ansprechend indes die Lichtregie ist – Eisenman hat seine Recherchen zur Transparenz konsequent verfolgt –, so wirkt doch diese ganze Komplexität am Ende monoton. Einem Zuviel an architektonischer Nabelschau steht zu wenig Aufmerksamkeit für die Nutzer gegenüber, die diese Räume in Besitz nehmen sollen. Gelegentlich stolpert man über eine rötliche Diagonale, und erst nach geraumer Weile dämmert die Erkenntnis, dass damit die Existenz eines schräg versetzten Rasters aufgerufen worden ist. Diese Geometrien wirken nichts weiter als kosmetisch. Hier passiert das, was Le Corbusier unter „planerische Illusion“ subsumiert hat. Dann gibt es da noch die beiden missglückten Türme nach dem Entwurf von John Hejduk, die Eisenman aus Gefälligkeit für den Freund mit in das Ensemble aufnahm: Sie wirken wie „Folies“, wie zwei gigantische Flaschen, und tragen das Ihrige dazu bei, die Ernsthaftigkeit des Entwurfs zu untergraben.

    Im Foyer des Archivgebäudes voller krummer und leerer Regale läuft ein denkwürdiges Video: Eisenman – als eine Art „Magus“ oder Zeremonienmeister – wiederholt die gleichen Sprüche und Zauberformeln in Endlosschleife, am unteren Bildrand läuft die Übersetzung wie der Newsticker einer Nachrichtensendung mit. Die City of Culture wird den Menschen von Galicien helfen, ihren Platz in der Welt zu verstehen, sie wird zu einem „Icon“ für Santiago werden (braucht die Stadt noch ein zweites Wahrzeichen?), sie wird an den Pilgerweg und die Jakobsmuschel erinnern, sie wird zu einem „Must“ für die „Archi-Tourists“ werden, sie wird den Granit der Landschaft und die Glasfassaden der traditionellen Bauformen in ihrer Essenz

  • repräsentieren... Man will diese Ankündigungen gerne glauben und sucht nach der Umsetzung von all dem in den überdimensionierten, verwinkelten Hallen mit den vorgehängten Sichtblenden und widersprüchlichen Detaillierun­­gen – indes, die Botschaft verschwimmt.

    Hat Presidente Fraga ernsthaft von einem pharaonischen Monument gesprochen? Mit diesem gigantomanen Entwurf bekommen die galicischen Steuerzahler eher ein Wrack des Star-Systems, das den leeren Gestus und die hohlen politi­schen Versprechungen bloßstellt. Die „Cidade de Cultura“ ist noch Jahre von der Fertigstellung entfernt, und ihre Zukunft ist ungewiss. Für den Bilbao-Effekt ist es bereits zu spät.

    Aus dem Englischen von Agnes Kloocke



    Bauwelt 47.2010
    Erscheinungsdatum: 10.12.2010

  • Adresse

    15702 Santiago de Compostela, Spanien

    Architekt(en)

    Eisenman, Peter, New York

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