Zeichen und Bedeutung

Fotografien von Andrzej Steinbach in Hannover

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

    Ohne Titel
    © Andrzej Steinbach, Galerie Max Mayer

    Ohne Titel

    © Andrzej Steinbach, Galerie Max Mayer

Zeichen und Bedeutung

Fotografien von Andrzej Steinbach in Hannover

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Das Sprengelmuseum Hannover, über dessen Erweiterungsbau die nächste Bauwelt-Ausgabe berichten wird, zeigt aktuell in seinem Raum für Fotografie zwanzig großformatige Schwarz-Weiß-Abzüge aus der Serie Figur I, Figur II des jungen Fotografen Andrzej Steinbach. Dazu erschienen ist ein Katalog, der alle 186 Fotos der Bildfolge reproduziert – ohne irgendeine Art von Begleittext. Lösen die ausgestellten Fotografien schon Un-sicherheit aus, was uns der Bildautor mit seinen Hybriden aus Porträt-, Dokumentar- oder Modeaufnahmen eigentlich sagen will, spitzt die Auskunftsverweigerung des Katalogs die Situation weiter zu. Und auch die serielle Hängung gibt keine Hilfestellung.
Als der Kölner Fotograf August Sander (1876–1964) ab 1910, ausgehend von Bauernfamilien im Westerwald, sein umfangreiches Porträtwerk zu Menschen des 20. Jahrhunderts begann, erschien die Gesellschaft noch in eindeutigen sozialen Schichten gefestigt, unter anderem durch entsprechende Berufe. Ein Kanon ästhetischer Insignien machte Sanders Bilder allgemein verständlich: Der Konditor hantiert im Kupferkessel in seiner Küche, der Notar repräsentiert vor seinem Haus, die emanzipierte Sekretärin des WDR trägt Pagenkopf, modische Kleidung, und selbstverständlich raucht sie.
Über Sanders Grundidee, dass man den Menschen ansieht, wer sie sind, bestand damals wohl breiter Konsens. Heute scheint es, als sollten sich die Zeichen, die eine Person aussendet, nicht mehr illustrativ auslesen lassen, eine postmoderne Selbsterzählung folgt dem pluralistischen Credo des Alles-ist-möglich. Gestaltete Artefakte in Architektur, Design oder Mode verschließen sich der unmittelbaren sozialen Bildsemantik. Mit ökonomischem Kalkül wird so eine offene, nicht normierende Gesellschaftsstruktur suggeriert. Mit dieser Uneindeutigkeit ästhetischer Codes operiert Andrzej Steinbach in seiner Fotografie. Zwei Modelle dienen ihm als überindividuelle Figuren, sie agieren zwischen persönlicher Aura und anonymisierender Zurücknahme.
Da ist eine junge hellhäutige Frau. Sie ist schlank, androgyn, der Schädel rasiert, ein Ring im rechten Nasenflügel. Sie trägt wechselnde urbane Streetwear, meist schlecht sitzend, von ästhetischer Belanglosigkeit. Trotzdem ist sie in der Präzision der professionellen Modefotografie abgebildet. Mal sitzt sie, mal steht sie vor der Wand, ein Teil des Raums ist zu sehen: kein schickes Studio, sondern ein Altbau mit abgetretenem Holzfußboden. Mitunter liegen Kartons am Boden, oder es lehnt etwas an der Wand. Sie posiert ernst, konzentriert. Und in dieser Präsenz agiert sie auch mit Stilphänomenen, deren geistiger Nährboden derzeit vor allem in Deutschlands Osten liegt. Gut, die College-Jacke, wie sie eine trägt, hielt vor ein paar Jahren als Design-Zitat auch in die Kollektionen großer Modehäuser Einzug. Aber es gibt den latenten Bekennungscode in der ähnlichen Bomberjacke, kombiniert mit Springerstiefeln und derber Hose. Derartige Gesinnungsaffinität mag aufblitzen.
Die zweite junge Frau hat dunklere Haut und krauses Haar. Sie greift zu wechselnden Textilien, demonstriert damit variantenreiche Vermummungen. Aber weshalb verbirgt sie ihr Antlitz? Sucht sie Schutz? Reagiert sie auf die andere? Man könnte eine politische Aussage hineinlesen, etwa, dass in Zeiten brennender Asylunterkünfte, in Zeiten von Pegida und AfD alles Abweichende (wovon eigentlich?) in Deutschland gut daran tut, sich der Erkennbarkeit zu entziehen. Denn die derzeitige Willkommenskultur könnte sich als brüchig erweisen.
Andererseits scheint Steinbach in seiner Fotografie ohne die leisesten Anzeichen einer Empathie zu arbeiten. Seine Bildauffassung ist kühl, distanziert, tritt zudem unter multipler Verweigerung begleitender Deutungserschließung an. Zweifel an der Absicht einer expliziten Aussage müssen aufkommen. Was wäre dann die Botschaft von Andrzej Steinbach, der, 1983 in Polen geboren, in Chemnitz aufwuchs und 2013 in Leip-zig sein Fotografiestudium abgeschlossen hat? Vielleicht, dass sich gesellschaftliche Differenzierungen in Mainstream und Divergenz, Affirmation und Protestkultur bildrhetorischer Codes bedienen, die sich zum Verwechseln ähneln können, also zumindest des genaueren Blicks bedürfen. Ob sie dann, anders als Sanders wertstabiles Soziogramm, überhaupt noch etwas über einen Menschen zu erzählen vermögen, dem geht Steinbach nun schlaglichtartig in seinem deutungsoffenen, nicht unproblematischen Bildsystem nach.

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