Irgendwie alles mit allem

Überfrachtete Ausstellung des Marta Herford über die Brüder Heinz und Bodo Rasch

Text: Kuhlmann, Elmar, Minden

Heinz und Bodo Rasch, Hängehäuser Projekt, Perspektive, um 1927
© The Museum of Modern Art/Scala, Florenz

Heinz und Bodo Rasch, Hängehäuser Projekt, Perspektive, um 1927

© The Museum of Modern Art/Scala, Florenz


Irgendwie alles mit allem

Überfrachtete Ausstellung des Marta Herford über die Brüder Heinz und Bodo Rasch

Text: Kuhlmann, Elmar, Minden

„Eine Herausforderung!“, entfuhr es der kunstpädagogischen Mitarbeiterin des Marta im Gespräch nach dem erstem Rundgang durch das Ausstellungslabyrinth zu den Architekten Heinz und Bodo Rasch (1902–1996 und 1903–1995). Ob das Publikum diese in den nächsten Monaten annimmt, muss sich zeigen. Denn ohne Umschweife: Das Ausstellungskonzept mutet fahrig an.
Die jüngst eröffnete Exposition setze „das Werk der Brüder in ein aufschlussreiches Verhältnis zur jüngeren Architekturgeschichte“, zugleich hebe dessen „erste museale Aufarbeitung ihre Visionen und konstruktiven Impulse mit interdisziplinärem Blick erneut ins öffentliche Bewusstsein“, werben die Ausstellungsmacher. Wenn interdisziplinär meint, dass irgendwie alles mit allem zusammenhängt, zu Recht. Doch leider auf Kosten belastbarer Erkenntnisgewinne, weil das fragile Œuvre der Protagonisten selbst vor lauter Hin- und Her- und Querverweisen kaum mehr zur Geltung kommt. Der unstrukturiert wirkende Parcour durch eine lieblose Ausstellungsarchitektur steuert hierzu seinen Teil bei.
Dabei hätte das ostwestfälische Museum konkrete Ansätze für eine kleine, feine Rasch-Präsentation gehabt. Gleich nebenan, im einst mondänen Kurort Bad Oeynhausen, ist – wenn auch baulich verändert – das erste Bauwerk der damals gerade 23 und 24 Jahre alten Adepten der Stuttgarter Schule erhalten, das sie 1926/27 für ihren Onkel, den Unternehmer Ernst Rasch, realisierten. Die zeitgeschichtliche Relevanz des Ziegelbaus belegt seine umgehende Aufnahme in die Internationale Plan- und Modellausstellung Neue Baukunst durch deren künstlerischen Leiter Ludwig Mies van der Rohe im Jahr 1927. Es folgt ein Auftrag von Peter Behrens und Mies zur Ausstattung von zwei Musterwohnungen in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung.
Daneben beginnen die Raschs mit der Veröffentlichung mehrerer Bücher, zuletzt Gefesselter Blick (1930), ein Meilenstein der Werbekunst mit monografischen Texten zu 25 progressiven Werbegestaltern wie Otto Baumberger, Willi Baumeister, John Heartfield, El Lissitzky, Moholy-Nagy, Hans Richter, Mart Stam, Jan Tschichold und Piet Zwart.
Doch das typografische Werk der Gebrüder Rasch bleibt eine Marginalie in der Ausstellung, ebenso wie etwa die sozialen Zusammenhänge, die am Ende der vierjährigen Zusammenarbeit eine Liquidation ihrer Firma unausweichlich machten. „Seit den Gründungstagen ihres Büros konnten sich Heinz und Bodo Rasch nur durch Aufträge aus dem familiären oder persönlichen Umfeld finanzieren“, ist in Annette Ludwigs lesenswerter Dissertation Die Architekten Brüder Heinz und Bodo Rasch über das Gestalterduett und deren überschaubares Gesamtwerk nachzulesen (Bauwelt 21.2011).
Stattdessen werden die stillen Generalisten in Herford zu bedeutenden Visionären der Architektur hochgejazzt und, raumgreifend mittels augenscheinlicher Referenzprojekte, im Haifischbecken der ganz großen Namen ausgesetzt: da Foster, dort Grimshaw, Rogers neben Kurokawa, Eiermann. Wer bestreitet denn, dass Heinz und Bodo Rasch an avantgardistischen Planspielen wie pneumatischen Konstruktionen, modularen Bauweisen wie dem Containerbau oder Hängehäusern ihren Entwicklungsanteil hatten? Aber dem durch Hochglanzprojekte der Architektur-Giganten einerseits und eingestreute Korrespondenzwerke aktueller Künstler andererseits entfesselten Betrachterblick entgehen darüber jene Kleinode wie die feinen handgefertigten Werkcollagen aus kleinen Skizzen und Fotos der Rasch-Brüder. Die programmatische Forderung des Jüngeren zur Notwendigkeit Neuen Bauens aus den Zwanzigern als Ordnungsruf: „Der Wunsch nach Ehrlichkeit bedeutet, dass der Inhalt und die Erscheinungsform sich decken.“

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