2 Begreifen wir die Fassade in europäischen Städten als Raum, nicht als Bild! Die Fassade ist Ausdruck des Öffentlichen

Text: Kuehn, Wilfried

    Wettbewerbsbeitrag für den Axel-Springer-Campus Berlin. Verschränkung städtischer Räume: Öffentlicher Zugang von innen, die Erschließungskerne liegen außen, ...
    Abb.: Kuehn Malvezzi, Berlin

    Wettbewerbsbeitrag für den Axel-Springer-Campus Berlin. Verschränkung städtischer Räume: Öffentlicher Zugang von innen, die Erschließungskerne liegen außen, ...

    Abb.: Kuehn Malvezzi, Berlin

    ... Schinkels Bauakademie, Loos’ Chicago Tribune Tower und Mies’ Hochhaus an der Friedrichstraße werden als Samples in den Stadtblock geschnitten
    Abb.: Kuehn Malvezzi, Berlin

    ... Schinkels Bauakademie, Loos’ Chicago Tribune Tower und Mies’ Hochhaus an der Friedrichstraße werden als Samples in den Stadtblock geschnitten

    Abb.: Kuehn Malvezzi, Berlin

    Wettbewerbsbeitrag für das Humboldtforum 2008 ...
    Abb.: Kuehn Malvezzi, Berlin

    Wettbewerbsbeitrag für das Humboldtforum 2008 ...

    Abb.: Kuehn Malvezzi, Berlin

    ... die autonome Fassadenstruktur erlaubt eine Trennung zwischen Museumsgrundriss und historischer Schlosskubatur
    Abb.: Kuehn Malvezzi, Berlin

    ... die autonome Fassadenstruktur erlaubt eine Trennung zwischen Museumsgrundriss und historischer Schlosskubatur

    Abb.: Kuehn Malvezzi, Berlin

2 Begreifen wir die Fassade in europäischen Städten als Raum, nicht als Bild! Die Fassade ist Ausdruck des Öffentlichen

Text: Kuehn, Wilfried

Die Europäische Stadt, so wie über sie häufig gesprochen wird, ist keine Realität, sondern eine Idee: Sie vereint unterschiedliche Situationen in einer synthetischen Identität, die sich mangels Spezifik über das Allgemeine definieren muss. Die scheinbar soliden Architekturen auf den Euro-Banknoten verkörpern die Fluchtpunkte dieser Identität; weder situativ noch universell, ist die intelligente Gemeinplatz-Ästhetik eine Abstraktion.
Dieses Bild ist aber für die heutige Stadt zum Leben zu wenig und zum Sterben zuviel: Es taugt nicht als Struktur für die flächigen Metropol-Regionen, mit denen wir konfrontiert sind. Und es taugt ebenfalls nicht für eine konsequente Musealisierung der Innenstädte, die nur einem Modell strikter Konservierung historischer Situationen, wie Exponate in einem Museum, folgen könnte. Unter dem Zwang der Kommerzialisierung gleicht die Europäische Stadt der Euro-Schein-Realität; sie gibt Kapitalanlagen ein öffentlich wirksames Gesicht, indem sie für die Nahtstelle zwischen privatem Investment und städtischem Raum bildhaft-abstrakte Lösungen sucht, die sich in historische Kontexte einfügen. Europäische Stadt heißt für einen Neubau, vorgegebene Parzelle, vorgegebene Kubatur, vorgegebenes Innenleben. Aufgabe der Architektur: die Fassade.
Sammlungsstadt
Eine Sammlung entsteht durch das Ordnen des Bestehenden. Nicht Fülle formt eine Sammlung, sondern die Beziehungen der Sammlungsteile zueinander; durch Auswahl und Anordnung wird eine Sammlung strukturiert. Sammler-Intuition kann interessante Ansammlungen bewirken, aber erst durch eine inhärente Sammlungslogik werden die angesammelten Dinge zu einer Form verbunden. Sammlungen basieren nicht auf Homogenität. Sie entstehen durch das Zusammentreffen des Verschiedenartigen, das durch die Sammlungslogik zu einer Einheit finden kann.
Städte sind, so lässt sich argumentieren, Ansammlungen mit einem Potenzial zur Sammlung. Sie unterliegen dem Ansammlungsdruck des Marktes. Durch eine Politik der Sammlung können sie eine Form erhalten, die Ausdruck kollektiver und öffentlicher Belange ist. Städte werden zu Sammlungen, wenn ihre Teile miteinander in Beziehung treten. Die Sammlungsstadt hat keine autochthone Identität, sondern eine komposite: Sie entsteht durch den Eingriff in das Bestehende und sie entwickelt sich ständig fort.
Europäische Städte
Beide Modelle, das der kontinuierlichen Europäischen Stadt und das der heterogenen Sammlungsstadt, stehen sich antagonistisch gegenüber. Doch haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie thematisieren die Stadt als Morphologie, indem sie vom Zwischenraum ausgehen. Beide sind dem Gebäudeinhalt gegenüber indifferent, da sie das Gebaute in Funktion der Stadträume begreifen.
In dieser Umkehrung liegt das Potenzial für unsere Arbeit als Architekten und Planer an der heutigen Stadt: Betrachten wir den Stadtraum als Figur und die Gebäude als Grund; entwerfen wir Stadträume, nicht Gebäudeskulpturen; entwerfen wir Kontexte, nicht Ikonen. Statt auf die bildhafte Abstraktion der Europäischen Stadt, setzen wir auf die räumliche Konkretion der europäischen Städte. Diese sind nicht immer und überall kompakt, ebensowenig jedoch sind sie pluralistisch. Stattdessen sind sie vielgestaltig und zeichnen sich durch ihre inneren Bezüge aus. Ihre Weiterentwicklung als Sammlungen ermöglicht den Umgang mit der Bestandsfülle unter zeitgenössischen Vorzeichen, das Aktualisieren der Stadt in neuer Perspektive. Jede Stadt folgt eigenen Sammlungslogiken, die sich fortentwickeln. Unsere Städte weiter zu sammeln heißt, sie zu ordnen, ohne sie zu homogenisieren. Es heißt, anders gesagt, sie durch gezielte Interventionen in ihrer jeweils eigenen Form der Heterogenität zu stärken.
Aktualisierung
Europäische Städte verfügen über Raummodelle, die dem Zwischenraum Struktur geben. Im aktualisierenden Gebrauch dieser Modelle liegt das Potenzial, die Sammlung neu zu lesen und über die kompakte Stadt hinaus weiter zu entwickeln. Die architektonische Auseinandersetzung mit den Typologien des Zwischenraums ist heute unsere Aufgabe.
Die Fassade bleibt dabei Kampfzone. Begreifen wir sie als Raum, nicht als Bild: Indem sie zur autonomen Architektur zwischen Innen und Außen wird, ist die Fassade eine artikulierte Raumfolge, die den Stadtraum in das Gebäude hineinführt. Als autonomes Display ist die Fassade, unabhängig vom Gebäude, ein Ausdruck des Öffentlichen. Sie ist nicht das Private, sondern das Gesellschaftliche des Gebauten. Sie ist im besten Sinn politisch.

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