2 Welche Modelle kommen für welche Art von Stadt in Frage?

Beziehungslose Solitärbauten prägen die heutige Stadt, der Blick auf das bauliche Ensemble und das Quartier kommt zu kurz – so die Kritik. Lässt sich dieses Dilemma mit verbindlichen Regeln lösen? Ja, sagen die Verfechter des Modells der „Europäischen Stadt“. Nein, sagen die anderen, die Stadt ist viel komplexer – die geforderte Einheitlichkeit könne es in der vom Wiederaufbau der Nachkriegszeit geprägten Stadtstruktur nicht mehr geben. Das Für und Wider diskutierten im zweiten Panel Markus Allmann, Kristiaan Borret und Wolfgang Sonne, moderiert von Kaye Geipel.

Text: Geipel, Kaye, Berlin

    Moderator Kaye Geipel und Markus Allmann
    Foto: Schnepp Renou

    Moderator Kaye Geipel und Markus Allmann

    Foto: Schnepp Renou

    Wolfgang Sonne
    Foto: Schnepp Renou

    Wolfgang Sonne

    Foto: Schnepp Renou

    Kristiaan Borret
    Foto: Schnepp Renou

    Kristiaan Borret

    Foto: Schnepp Renou

    Markus Allmann
    Foto: Schnepp Renou

    Markus Allmann

    Foto: Schnepp Renou

    Nürnberg, Königstraße 1958
    Foto: Stadtarchiv Nürnberg, A39_III_Fi_K_1961

    Nürnberg, Königstraße 1958

    Foto: Stadtarchiv Nürnberg, A39_III_Fi_K_1961

    Nürnberg, Königstraße 2013
    Foto: Peter Hafner, Stadtplanungsamt Nürnberg

    Nürnberg, Königstraße 2013

    Foto: Peter Hafner, Stadtplanungsamt Nürnberg

2 Welche Modelle kommen für welche Art von Stadt in Frage?

Beziehungslose Solitärbauten prägen die heutige Stadt, der Blick auf das bauliche Ensemble und das Quartier kommt zu kurz – so die Kritik. Lässt sich dieses Dilemma mit verbindlichen Regeln lösen? Ja, sagen die Verfechter des Modells der „Europäischen Stadt“. Nein, sagen die anderen, die Stadt ist viel komplexer – die geforderte Einheitlichkeit könne es in der vom Wiederaufbau der Nachkriegszeit geprägten Stadtstruktur nicht mehr geben. Das Für und Wider diskutierten im zweiten Panel Markus Allmann, Kristiaan Borret und Wolfgang Sonne, moderiert von Kaye Geipel.

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Kaye Geipel Herr Sonne, wenn ich Ihr Eingangsstatement (unten) richtig verstanden habe, dann liegt in den spezialisierten Herangehensweisen, die die Produktion der heutigen Stadt kennzeichnen, eine Gefahr. Sie wünschen sich, was die Gestaltung der Stadt betrifft, einen einheitlichen Städte-Baukasten, an den sich die Architekten und Stadtplaner halten sollen.
Wolfgang Sonne Ich würde ihn nicht als Baukasten bezeichnen. Es sind keine Rezepte, aber doch Prinzipien, und diese Prinzipien müssen wir kennen. Es geht vordergründig nicht um die Schönheit der Fassade oder um besondere Materialien, um Ornamentformen, oder was auch immer. Es geht um das Einmaleins des Städtebaus. Das ist ein Begriff, der ja bei manchen Leuten Unbehagen hervorruft, weil uns dann unterstellt wird, wir wollten nur noch multiplizieren. Wir haben ja eine Reihe aufgestellt, also Platz-Straße-Block-Haus. Diese Abfolge halten wir in der Tat für essentiell. Das heißt, öffentlicher Raum – Platz und Straße – auf der einen Seite und auf der anderen Seite privater Raum bzw. privat gebaute Struktur – also Baublock und Haus. Das ist die Basis. In der Art, wie diese beiden Sphären zusammen kommen, konstituieren sie den öffentlichen Raum. Und diese Grundfiguration kann dann alle möglichen Formen annehmen.
Kaye Geipel So wie Sie das hier beschreiben, sieht die Stadt aber in vielen Fällen nicht aus.
Wolfgang Sonne Natürlich gehören auch die Stadtautobahnen, die mitten durch das Quartier schneiden, heute zum Inventar der europäischen Stadt. Aber die sind an sich nicht erstrebenswert. Ich halte es für verkehrt, wenn man dann mit dem Fotografen-Künstler-Blick kommt und das schön fotografiert und sagt, das ist schon alles o.k. Vor allem aber geht es mir um die Frage der Siedlungen: Ganz viel Städtebau im 20. Jahrhundert war kein Städtebau, sondern Siedlungsbau mit dem Primat des Wohnungsbaus. Wir machen heute viel zu viel Siedlungsbau! Schauen Sie sich an, was heute noch mit dem Deutschen Städtebaupreis prämiert wird. Ein simpler Trick hilft um festzustellen, ob etwas Städtebau oder Siedlungsbau ist: Stellen Sie sich vor, Sie treten aus einem neuen Haus heraus in den öffentlichen Raum. Wo befinden Sie sich? In einer undefinierten Grünfläche: Dann ist es Siedlungsbau. Oder in einem Stadtraum, sei es eine Straße oder ein Platz: Dann ist es Städtebau!
Kaye Geipel Eine eingängige Definition: Ich mache die Haustür auf und weiß, ob der Stadtraum, stimmt oder nicht. Kristiaan Borret, in Antwerpen kann die Stadt wegen der vielen privaten Eigentümer nur beschränkt agieren. Allerdings kann sie Strukturvorgaben machen und Regeln vorschlagen. Zählt dazu auch die eben erwähnte Straßen- und Stadtraum-Gestaltung? Wo lagen Ihre Schwerpunkte als Stadtbaumeister von Antwerpen?
Kristiaan Borret In den meisten Fällen mussten wir indirekt vorgehen. Wir haben uns auf wichtige Regeln beschränkt und mit Beispielprojekten gearbeitet. Das half, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Was ist eine Frage der Ästhetik und wo handelt es sich um Dinge, die für die Stadtentwicklung wesentlich sind? Ich habe den Eindruck, dass diese Fragen in der Diskussion teils durcheinander geworfen werden. Wirklich wichtig ist für uns zum Beispiel die Aktivierung der Erdgeschosszonen, die Interaktion zwischen Streetlife und den neuen Entwicklungsgebieten. Das haben wir obligatorisch gemacht, mit Hilfe von Regeln, die für die ganze Stadt gelten. Wir verlangen aber keine bestimmte Gestalt. Wir sagen nur: Bestimmte Erdgeschosszonen müssen Nicht-Wohnen-Funktionen enthalten, die Fenster müssen eine bestimmte Mindestgröße haben, um eine Interaktion zu ermöglichen usw. So etwas hilft, das Städtische umzusetzen, ohne sich über die Ästhetik zu streiten.
Kaye Geipel Wie sehen Sie das mit dem öffentlichen Raum? Hier wurde die These geäußert: Wenn der Stadtraum in Form von Plätzen und Straßen einmal da ist, dann ist er auch ein Garant, dass sich das öffentliche Leben dort einnistet. Spielt das Vorhandensein einer Architekturform, damit das Ganze funktioniert, bei den Regeln, die Sie angesprochen haben, eine Rolle?

Kristiaan Borret
Im Holländischen nennt man die Vorstellung, dass die Gestalt der Architektur die Persönlichkeit der Leute oder deren Verhalten formen könne, „architectural determinism“. Das halte ich für eine gefährliche Sache. Ich glaube nicht, dass ein guter Platz ausreicht, seine Anwohner froh und zufrieden zu machen. Die heutige Diskussion in Flandern dreht sich nicht um eine Unterscheidung in öffentlich und privat, denn bei uns wird privat immer auch als individuell verstanden. Wir haben drei Kategorien: öffentlich, kollektiv und privat. Die Vorstellung, die sich mit dem „kollektiven Stadtraum“ verbindet, ist die, mehr Shared Space zu haben, der im privaten Besitz einer Gruppe von Bürgern ist. Bei dieser Art von organisierter Nachbarschaft wäre es völlig sinnlos, sich Gedanken über die Gestaltung eines Platzes oder einer Straßen mit vielen Läden oder einem Café an der Ecke zu machen. Denn das wird dort nicht passieren. Die Dichte ist einfach nicht hoch genug!
Wolfgang Sonne Auch ich sehe das, was Sie „architectural determinism“ genannt haben, kritisch. Ihre letzte Beobachtung zeigt aber doch, dass Architektur zumindest manches ermöglichen oder verhindern kann. Wenn ich zum Beispiel nur zurückgesetzte Häuser hinter Abstandsgrün habe, dann kann ich da kein Eckcafé haben, weil das nicht funktioniert. Wenn der Bau aber vorne an der Straße steht, dann kann da ein Eckcafé sein, wenn die Dichte hoch genug ist.
Markus Allmann Ein Aspekt ist vielleicht auch, dass wir in Deutschland immer wieder über Konzepte in anderen Ländern staunen, die dieses städtische Leben ermöglichen, die bei uns aber vermeintlich nicht umsetzbar sind. Das hängt damit zusammen, dass wir sehr viele Regularien haben, die für sich als Ausdruck der Berück-sichtigung von Partikularinteressen ja richtig sein mögen. Ich halte es mit Blick auf das Gemeinwohl für sinnvoll, auf einzelne dieser Partikularinteressen zu verzichten. Denn ich glaube, dass Stadt auch immer bedeutet, dass das Gemeinwohl über das Einzelinteresse gestellt werden kann.
Wolfgang Sonne Das ist exakt das, was wir meinen, wenn wir sagen: Die Stadt zuerst! Nicht die Einzelregelungen zuerst, sondern Stadtraum zuerst denken und dann schauen, vielleicht muss man bei einer Einzelregelung auch mal einen Abstrich machen.
Irene Wiese von Ofen (schaltet sich in die Diskussion ein) Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass im internationalen Vergleich betrachtet der städtebauliche Rechtsrahmen, den wir haben und die Verlässlichkeit, mit der wir handeln können, ein großes Gut ist.
Kaye Geipel Bevor allseitiger Konsens besteht, will ich die folgende Feststellung noch einmal aufgreifen: „Die Stadtautobahn gehört zwar mit zur europäischen Stadt, aber natürlich ist sie nicht gut.“ Diese Problemzonen, wie zum Beispiel Stadtautobahnen oder fragmentarische Stücke der Metrozonen, gehören für mich zum Essentiellen dessen, was die Transformation der heutigen Stadt charakterisiert: Wie mache ich daraus wieder einen lebenswerten Stadtraum? Da gibt es dann aber keine Lösung, die man nach den Regeln der historischen Stadt bearbeiten kann.
Kristiaan Borret In Belgien hat man oft das Problem der Dichotomie. Es gibt die Stadt und daneben die Nicht-Stadt, es gibt die Stadt des 19. Jahrhunderts und die Suburbia. Für mich zeigen diese Quartiere, dass etwas Hybrides existiert, so etwas wie die „Vorstadt“ – also nicht die grüne Suburbia, nicht die Banlieue, sondern etwas dazwischen. Wir haben kein richtiges Bild dafür, können ihr keine städtische Form zuordnen. In diesen Gebieten, da stimme ich zu, kann nicht Platz-Straße-Haus das Einzige sein. Diese Gebiete können wir auch nicht in etwas verwandeln, was richtig städtisch werden wird.
Vanessa Miriam Carlow Zum Modell von Straße, Platz und Block: Ich würde da gleich mal den Block streichen und einfach nur Parzelle einsetzen. Denn es gibt ja nicht nur den Block, sondern auch noch alle möglichen anderen Gebäudetypologien, die es uns ermöglichen, einen Sozialmix oder einen Funktionsmix herzustellen. Dazu kommen weitere Aspekte, die helfen, diesen Werkzeugcharakter zu erweitern. Zum Beispiel die Frage von Stadtraumverlauf, von einer Sequenz von Straßen, öffentlichen Räumen, öffentlichen Bauten, die sich ergänzen und die bestenfalls Netzwerke bilden, grüne Netzwerke, blaue Netzwerke, also offene Räume, Parks, Wasser usw.

Rainer Bohne
Ja, auch für mich gibt es eine ganze Menge mehr, was notwendig ist, um Städtebau zu definieren. Auch Siedlungsbau ist Städtebau oder kann es sein! Aber wenn Sie hier sagen, grundsätzlich ist das, was Martin Wagner gemacht hat oder Bruno Taut oder was im Hansaviertel entstanden ist, kein Städtebau, weil man, wenn man dort aus dem Haus tritt, vielleicht in einen Garten oder einen öffentlichen Park reinfällt, aber nicht prompt auf der Straße landet: Also, wenn das kein Städtebau sein soll, dann muss ich Ihnen vehement widersprechen!
Christoph Mäckler Das sagt doch Martin Wagner selbst: Die Siedlungsbauer wollen die Stadt überwinden. Die sind ja stolz darauf gewesen, aufzuräumen mit dieser bösen alten Stadt.
Harald Bodenschatz Ich finde die Diskussion hier schwierig, wenn wir uns jetzt darauf konzentrieren, was guter Städtebau ist, was schlechter Städtebau ist und den Städtebau gegen Siedlungsbau ausspielen. Für mich ist das abgehoben. Ich möchte zurückkommen auf den schlichten Hinweis, auf welcher Maßstabsebene bewegen wir uns? Auf der kleineren, auf der mittleren, auf der Regionalstadt? Auf all diesen Ebenen kann man städtebaulich denken – man sollte aber unterschiedlich städtebaulich denken. Zum Beispiel was die verschiedenen Formen von Straße betrifft und wie wir sie entwerfen. Es gibt Leute, die wollen Straßenbahnen haben, und es gibt Leute, die wollen Fahrradwege haben, und es gibt Leute, die wollen flanieren. All das müssen wir in der Straße unterbringen. Wollen wir das jetzt zonieren oder wollen nicht zonieren? Dafür braucht es im Entwurf klare Entscheidungen. Aber es ist auch klar, dass die Regeln dann für eine Straße gelten, für eine andere vielleicht nicht. Und wenn wir das jetzt nur allgemein diskutieren, blenden wir solche elementaren Fragen meines Erachtens einfach aus.
Sophie Wolfrum Ich will noch einmal auf das Thema „Stadt der Moderne“ zurückkommen, das Markus Allmann in seinem Statement aufgeworfen hat. Auf der einen Seite haben wir die Stadt der Moderne, die unsere gebaute Stadt ist – in Deutschland zumindest. Die hat in der Nachkriegszeit dafür gesorgt, dass wir im Prinzip alle Menschen mit Wohnraum versorgten, was eine große Leistung war, wenn man das mal international sieht. Auf der anderen Seite sind wir heute in eine andere Phase städtebaulicher Notwendigkeiten eingetreten. Wir haben aber immer noch ein Planungsinstrumentarium, das Anfang der sechziger Jahre, zusammen mit dieser Stadt der Moderne, geschaffen wurde. Und wir haben eine Baunutzungsverordnung, die nur viermal novelliert wurde und mühselig den neuen Anforderungen angepasst werden muss. Im Prinzip operieren wir heute mit einem Stadtmodell, das baurechtlich noch extrem aktiv ist, aber vielleicht schon das Zeitliche gesegnet hat. (Beifall)

Die drei Eröffnungsstatements



1
Es gibt grundsätzlich nur ein Stadtmodell

Wolfgang Sonne

Die Frage, welches Stadtmodell, welches Leitbild für welche Planung in Frage kommt, hatten wir bei der „Kölner Erklärung“ nicht aufgeworfen. Ich würde sogar grundsätzlich fragen: Ist nicht schon die Fragestellung, dass wir verschiedene Leitbilder haben und die Vorstellung, wir könnten frei zwischen diesen wählen, Ausdruck eines Problems? Beim Leitbild „Soziale Stadt“ ist der Soziologe vertreten, beim Leitbild „Verkehrsgerechte Stadt“ der Verkehrsingenieur, beim Leitbild „Schöne Stadt“ der Kunsthistoriker. Jeder bleibt da in seinem Revier. Oder denken Sie an das jüngste Leitbild Smart City, wo wir als Planer der IT-Industrie auf den Leim gehen, die vorgibt, mit irgendwelchen Smartphones irgendwelche Rollläden regeln zu können, als hätte das etwas mit Städtebau zu tun. Natürlich muss man Energiekreisläufe regeln. Aber das sind Teilbereiche der Stadt. Wenn wir das so durchdeklinieren, dann zerfällt die Stadt in lauter Segmente. Ich denke aber, dass jeder Stadtraum immer alles sein sollte und es nichts bringt, segregierte Leitbilder zu verabsolutieren. Darüber geht die Komplexität der Gesamtstadt verloren. Das ist der Punkt, an dem die „Kölner Erklärung“ ansetzt. Wir sagen, all diese Segmente sollen zwar in der Planung ihren Platz haben; am Ende aber müssen wir doch gestalten und bauen! Deswegen gibt es für uns auch grundsätzlich nur ein Modell und dieses Modell heißt einfach: Stadt. Das läuft dann auf ganz simple Fragen hinaus, die sie an die neuen Bauvorhaben stellen können: Ist das städtisch oder ist das nicht städtisch? Warum wirkt das hier städtischer, warum wirkt das dort weniger städtisch? Mit der Frage danach, ob das jetzt städtisch ist oder nicht, kommt man ziemlich weit.
Wolfgang Sonne
Kunsthistoriker. Seit 2007 Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte und Theorie der Architektur an der TU Dortmund. 1994 bis 2003 war er Oberassistent am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich bei Vittorio Magnago Lampugnani. Er ist Autor des Buches: „Urbanität und Dichte im Städtebau des 20. Jahrhunderts“.
2
Die Nachkriegsmoderne gehört zur heutigen Stadt

Markus Allmann
Wenn man die Stadt begreift als eine Ansammlung von Artisten und Statisten, dann glaub ich in der Tat, dass es eine Menge Statisten braucht, um eine lebenswerte Umwelt zu gestalten, und wenige Artisten, die diese Statisten in Frage stellen können. Das Verhältnis zwischen dennormalen Stadtbausteinen und dem herausragenden Bau dürfte in etwa 1 :100 betragen, um ausgewogen zu sein. Mein Problem mit der Forderung nach städtischer Normalität und einem Zurück zu historischen Stadtmodellen beginnt an einer anderen Stelle. Seit den zwanziger Jahren ist eine Moderne entstanden, die heute zur Realität unserer Stadt gehört. Das sind Strukturen, die sind genauso belastbar wie die älteren Modelle – man muss sie nur weiter schreiben und entwickeln wollen. Wenn man heute aber sagt – was offensichtlich gerade en vogue ist –, die Moderne habe versagt, dann halte ich das für äußerst kritisch. Für mich ist die Moderne mit all ihren Gebäuden und Strukturen einfach eine Tatsache. Das waren damals richtige Überlegungen. Wenn man Bilder sieht aus dem Deutschland der Nachkriegszeit, beispielsweise letzthin auf der Ausstellung in Nürnberg („Plätze in Deutschland 1950 und heute“, Bilder siehe unten) dann wird angesichts der zerbombten Stadtstrukturen der damalige Wunschumso verständlicher, aus der Moderne heraus Bilder zu finden, die zukünftig wirken. Mit den Gebäuden jener Zeit müssen wir umgehen. Und immer, wenn wir heute über städtebauliche Modelle reden, ist für mich das Entscheidende, dass die Bausubstanz ja bereits da ist – eine Bausubstanz, die uns vor die Frage stellt, wie wir weiter mit ihr umgehen. Das Idealisieren von Modellen, neuen oder alten oder zukünftigen, halte ich für schwierig und für abgehoben.
Markus Allmann
Architekt und Stadtplaner. Seit 2006 leitet er das Institut für Raumkonzeptionen und Grundlagen des Entwerfens an der Universität Stuttgart. 1987 gründete er zusammen mit Amandus Sattler und Ludwig Wappner das Büro „Allmann Sattler Wappner“ in München.
3
Ähnliche Prinzipien wie bei der historischen Stadt umsetzen – aber mit neuen Ansätzen

Kristiaan Borret
In Belgien haben wir viele private Eigentümer, das heißt, die öffentliche Hand oder die Planungsbehörden können nur selten frei nach eigenen Vorstellungen handeln. Stadterneuerung besteht bei uns in den meisten Fällen aus dem Umgang mit vielen kleinen Dingen, im Kontakt mit privaten Eignern. Wir arbeiten in Antwerpen mit dem Konzept einer „porösen Stadt“. Ein Beispiel für Stadterneuerung im Umgang mit dieser Porosität besteht etwa darin, dass die Stadt an bestimmten strategischen Stellen selbst Brachen, abbruchreife Häuser, erwirbt und sie durch neue, individuelle Gebäude ersetzt. In diesem Fall handelt es sich um die Bestätigung des traditionellen Städtebau-Modells von Block-Straße-Platz; die Innovation liegt hier nicht auf der Ebene des Städtebaus, sondern in der architektonischen Typologie. Auf der anderen Seite geht es bei der Stadterneuerung an den Rändern der Stadt um die Neugestaltung von Plätzen und zusammenhängenden öffentlichen Räumen, die durchaus der Innovation bedürfen. Damit will ich sagen, dass man für verschiedene Teile der Stadt auch verschiedene Modelle parat haben sollte. Antwerpen wächst, wie viele andere Städte, und zwar um etwa zwanzig Prozent in den nächsten fünfzehn Jahren. Die Innenstadt ist dicht, also muss der Gürtel, der im 20. Jahrhundert angelegt worden ist, nachverdichtet werden. Wir brauchen die Erneuerung der Stadt in genau diesen Gebieten, und wir wissen, dass wir diese Quartiere nicht mit der traditionellen Blockstruktur erneuern können. Wir müssen etwas entwickeln, dass in den Kontext dieser Gebiete passt, und dafür brauchen wir einen neuen Ansatz. Das sieht dann nicht aus wie die Stadt des 19. Jahrhunderts, versucht aber, dieselben Werte zu vermitteln. Ihre sogenannten Leitbilder, die ich eher Prinzipen nennen würde, kann man auch in einem moralischen Sinne als urbane Werte bezeichnen: Dichte und Mischung, soziale Diversität, belebter Straßenraum, öffentliches Leben, Integration in Raum und Zeit.
Kristiaan Borret
Architekt und Städteplaner. Seit 2015 Stadtbaumeister in Brüssel. Von 2006 bis 2014 war er in selber Funktion in Antwerpen tätig. Für seine Tätigkeiten in Antwerpen erhielt er 2013 den Flämischen Kulturpreis. Borret lehrt seit 2005 als Gastprofessor an der Universität von Gent.

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